Auf einmal bevölkerten sie die Supermarktregale: Laktosefreie Milch, laktosefreier Käse, laktosefreie Butter … mittlerweile gibt es sogar laktosefreie Putenbrust, laktosefreie Currywurst und laktosefreie Nuss-Nougat-Creme. Kein Wunder, unzählige Produkte sind naturgemäß frei von Laktose, also von Milchzucker. Nämlich alle, in denen keine Milch enthalten ist und denen auch keine beigefügt wurde. Doch steht es auf der Verpackung, wirkt das Produkt exklusiv und vermeintlich „gesund“. Das bringt 80 Prozent aller Deutschen nichts – dafür der Lebensmittelindustrie guten Umsatz.

Wenn Milchzucker beschwert

Es ist richtig, dass rund 20 Prozent unserer Bevölkerung tatsächlich keine Laktose vertragen. Wie schon unsere Vorfahren vor 8000 Jahren können die Betroffenen keinen Milchzucker verarbeiten: Ihnen fehlt, wie übrigens fast allen Asiaten und Afrikanern, das Enzym Laktase, das den Milchzucker in verdaubare Bausteine zerlegt. Die Laktose rutscht bei ihnen in den Dickdarm weiter, wo sie unter viel Ungemach durch Bakterien vergoren wird – mit reichlich Gasentwicklung. Für Menschen mit Laktoseunverträglichkeit kann es also das Leben erleichtern, laktosefreie Milch zu kaufen.

Milch liefert wichtiges Vitamin D

Für alle anderen macht der Griff zum „unbeschwerten“ Produkt jedoch wenig Sinn. Wie schon erwähnt, vertragen mehr als drei Viertel aller Europäer, Nord- und Mittelamerikaner sehr gut Laktose. „Die Hersteller haben einen Markt entdeckt und suggerieren Verbrauchern gerne, laktosefrei sei etwas Positives“, sagte Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in einem Interview mit „Spiegel.de“. So Mancher greift daher schlicht aus falsch verstandenem Gesundheitsbewusstsein, oder einfach aus Lust an zusatzfreien Lebensmitteln zu laktosefreien Produkten. Das aber ist unklug. Denn erstens sind laktosefreie Produkte bis zu zweieinhalb Mal so teuer wie normale Produkte mit denselben Laktosewerten, stellte die Verbraucherzentrale Hamburg fest. Zweitens liefern Milch und Milchprodukte lebenswichtiges Vitamin D und Kalzium. Und drittens leben im menschlichen Dünndarm Bakterien, die sich von Laktose ernähren und die für die Verdauung von Milchprodukten wichtig sind. Diese Bakterien arbeitslos zu machen hieße, die eigene Laktoseunverträglichkeit zu fördern!

Brie und Gouda sind kein Problem

Viele Milchprodukte besitzen außerdem so geringe Laktosewerte, dass sogar Menschen mit Unverträglichkeit sie bedenkenlos essen können. Butter und Pflanzenmargarine gehört dazu, oder beliebte Käsesorten wie Brie, Butterkäse, Camembert, Gouda und Parmesan. Bei Joghurt und Mozzarella variiert der Gehalt, Betroffene müssen etwas experimentieren, um heraus zu finden, was sie vertragen. Was problemlos möglich ist: Laktoseportionen von bis zu zwölf Gramm sind auch bei Laktoseunverträglichkeit noch im Rahmen. Das entspricht einem kleinen Glas Milch oder zwei Bechern Sahne.

In den allermeisten Fällen ist also gegen ein frisches, kaltes Glas Milch nichts einzuwenden. Genießen Sie es, statt ausgerechnet durch den Verzicht auf Nährstoffe das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

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